Da sitzen wir also wieder in Krems, dort, wo das alternative Festival „Glatt & Verkehrt“ heuer zum 30. Mal seine Pforten öffnete. Was für ein Jubiläum! Zwei Abende, zwei vollkommen unterschiedliche Klangwelten. Zum einen das koreanische Trio Hilgeum, zum anderen die Wiener Jazzrock-Formation Shake Stew feat. Zwei Welten, die man so schnell nicht zusammen erwartet, und doch kamen sie hier zusammen besser als so mancher Sommercocktail in Wien.
Man muss sich das vorstellen: Hilgeum ist eine Damenformation aus Seoul, die mit Zitterinstrumenten und einer zweisaitigen Geige spielt. Diese Streichinstrumente klingen für uns Europäer nicht nur exotisch, sie folgen auch keiner klassischen europäischen Tonleiter, sondern erweitern die Klangpalette mit mehreren Tönen aus einem einzigen gezupften Saitenton. Das führt zu einer Musik, die fast wie eine neue Sprache wirkt. Das erinnert mich an jene Zeiten als ich noch Bundesliga-Spiele kommentierte und plötzlich auf unerwartete Taktiken stieß, die man nicht sofort durchschaut hat. So neu und frisch wie diese Klänge aus Korea kommt selten etwas daher.
Interessant ist auch, dass die Musikerinnen keine europäischen Klassikgrößen studierten, sondern in ihrem eigenen kulturellen Mikrokosmos an der Musikuni ausgebildet wurden. Hilgeum komponiert selbst und präsentiert damit eine eigenständige Stilrichtung, die mal an eine Rockband erinnert, dann wieder ganz zart asiatisch wird, wenn die Geige einsetzt. Für Kenner alternativer Musik ist das ein echtes Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ich sage es frei heraus: Wer hier nur mit seinem Standard-Musikgeschmack auftaucht, hat schon verloren, bevor er überhaupt den ersten Ton hört.
Nach einer Pause, die perfekt genutzt werden konnte, um die lokalen Weine zu probieren – das versteht man in Österreich ohnehin als Kulturgut – kam die heimische Abteilung auf die Bühne. Shake Stew feat mit ihrem zehnjährigen Bühnenjubiläum präsentierten eine energiegeladene Mischung aus Jazz, Rock und einer Prise Weltmusik, unterstützt von einer imposanten siebenköpfigen Besetzung mit zwei Schlagzeugen, zwei Bassisten und drei Bläsern. Das ist ein Klangkörper, der sich nicht gerne versteckt.
Besonders stach die syrische Flötistin Naïssam Jalal hervor, deren musikalisches Spektrum von klassischem europäischen Studium bis zu traditioneller arabischer Musik reicht. Die Dame bringt mit ihrer Flöte nicht nur orientalische Vibes, sondern auch Einflüsse aus Jazz, Hip-Hop und südindischer Karnatik mit. So etwas nennt man musikalische Brücken, die ohne Worte mehr verbinden, als so mancher Politiker je schaffen wird.
Was diese Bands eint, ist ihre klare Verpflichtung zur sogenannten Weltmusik, die eben nicht Mainstream und nicht glattgebügelt daherkommt. Das Festival in Krems bleibt seinem Ruf treu, alternative Musik mit internationalem Anspruch zu präsentieren. Gerade für jene, die sich von Popfest Wien oder Rita Oras Auftritten auf der Donauinsel eine Auszeit nehmen wollen und lieber tiefer eintauchen möchten, ist dieses Festival Gold wert. Wer noch bis 27. Juli in der Nähe ist, sollte sich das nicht entgehen lassen und am besten gleich ein Wochenende in Krems daraus machen.
Fazit: Das 30. Glatt & Verkehrt zeigt eindrucksvoll, wie reich und vielfältig Musik abseits des Mainstreams sein kann. Es macht Lust darauf, öfter mal abseits bekannter Pfade zu hören. Und ganz ehrlich, manchmal braucht es eben genau diesen koreanisch-österreichischen Mix, um die Ohren wieder richtig zu öffnen.
Foto: Jodie Walton / Unsplash






